Ein normaler Tag in Tbilisi

In den letzten Monaten habe ich leider nicht so viel von mit hören lassen, was unter anderem auch daran lag, dass in der kalten Jahreszeit nicht so viel passiert ist. Obwohl die Temperatur draußen selten unter 0° C gefallen ist, war es in meinem Schlafzimmer mit 10° C doch unangenehm frisch.

Heute möchte ich einen ganz normalen Tagesablauf von mir beschreiben. Jeden zweiten Tag stehe ich um 7 Uhr auf und mache mich nach einem kurzen Frühstück auf den Weg ins Sportstudio. Wenn ich um 7:30 Uhr an der Bushaltestelle stehe, wird mir jedes Mal bewusst, dass Georgien kein Land der Frühaufsteher ist. Da ich sehr zentral wohne und vor meinem Haus eine der wichtigsten Straßen der Stadt vorbei führt, ist es umso verwunderlicher, dass auf der sechsspurigen „Rust’avelis Gamziribi“ bis auf ein paar Taxen kein Auto zu sehen ist und die einzigen Menschen außer mir die Straßenfeger sind, die in gebückter Haltung den Müll des Vortages beseitigen. Auch im Fitnessstudio bin ich für die erste Stunde oft der einzige, erst nach und nach füllen sich die Räume. Vom Laufband aus habe ich einen guten Blick auf den Verkehr der umliegenden Straßen. Ab ca. 8:30 Uhr fängt der Berufsverkehr an und bald danach erstickt die Stadt im allmorgendlichen Verkehrschaos. Ein einziger Stau zieht sich dann von den Trabantenstädten bis ins Zentrum.

Nach einem zweiten Frühstück mache ich mich auf den Weg zur Arbeit. Meist laufe ich am Rustaveli Boulevard entlang, vorbei an einem Aussichtspunkt mit Blick auf die verschneiten, von der Morgensonne beschienenen Gipfel des Kaukasus, den Luxushotels Radisson Blu, Biltmore und Marriott, der Oper und dem Parlamentsgebäude, den alten Frauen, die mit Decken und Pappen ihren täglichen Platz zum Betteln vorbereiten, sowie dem zentralen Platz der Stadt, dem Liberty Square mit einer Statue des heiligen Georg, wie er mit dem Drachen kämpft. Oder ich nehme die U-Bahn und fahre mit der langen und steilen Rolltreppe eine gefühlte Ewigkeit in die Tiefe.

Im Büro angekommen, werfe ich zuerst ein Blick in mein E-Mail Postfach und beginne dann, an meiner Recherchearbeit über die Auswirkungen von wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Georgien auf die territorialen Konflikte in Georgien weiterzuschreiben. Ab und zu kann ich im Auftrag meiner Chefin auch eine Konferenz oder Diskussionsrunde besuchen. Dort, zum Beispiel bei der Vorstellung des Jahresberichts des Ministeriums für Wiedervereinigung und zivile Gerechtigkeit, mache ich mir dann Notizen für ICCN.

In der Mittagspause gehe ich meist mit meinem Kollegen Zurab in eins der umliegenden Selbstbedienungsrestaurants und Cafés, oder ich treffe mich mit Freunden und Bekannten, die in der Nähe arbeiten. Oft ist auch noch Zeit für einen kleinen Spaziergang durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, fernab der Touristenwege. Viele der Häuser sind schon etwas verfallen und werden teilweise von aufwendigen und abenteuerlichen Stahlgerüsten gestützt.

Um ca. 19 Uhr habe ich Feierabend. Auf dem Heimweg gehe ich meist in einen der Supermärkte einkaufen. Hier findet man fast alles, was es auch in Deutschland zu kaufen gibt. Nur der enorme Plastikmüll ist sehr ungewohnt. Wenn man nicht energisch widerspricht, werden einem die Einkäufe in unzählige Tüten gepackt. Und wenn man seinen eigenen Beutel mitbringt, wird man angeschaut, als käme man vom Mond. Nachdem meine Mittbewohnerin Lotte und ich gekocht und gegessen haben, ist noch genug Zeit, um ein paar Dinge am PC zu erledigen oder zu lesen, bevor ich dann ins Bett gehe.

Oft besuche ich mit den anderen Freiwilligen auch eine Abendveranstaltung. In dieser Hinsicht hat Tbilisi sehr viel zu bieten. Wir gehen zu Konzerten, Theaterstücken, Filmvorführungen oder Diskussionsrunden mit Politikern. Bei letzterem wird meist erregt über die Zukunft Georgiens debattiert. Wie soll man sich angesichts der Provokationen Russlands verhalten, sich annähern oder distanzieren? Ist der chinesische Plan, die „Neue Seidenstraße“ durch Georgien zu führen, gut oder schlecht? Und was ist die beste Lösung, wenn man einerseits durch eine liberale Wirtschaftspolitik ausländische Investoren anlocken will, gleichzeitig aber auch die Arbeitnehmer schützen muss?

Da am späten Abend oft keine Busse mehr fahren, nehmen wir auch des Öfteren ein Taxi, das man leicht per Handy bestellen kann. Sobald die Fahrer mitbekommen, dass wir aus Deutschland sind, zeigen sie stolz Bilder von ihren Familien z.B. vor dem Bundestag – während der Fahrt, versteht sich –, berichten in gebrochenem Englisch oder Deutsch begeistert von ihrer Armeezeit in der DDR oder erklären uns, wie zufrieden sie mit dem alten Mercedes sind, der für viele das ein und alles zu sein scheint. Das obligatorische „Deutsch – sehr gut!“ darf natürlich auch nicht fehlen.

Die Begeisterung der Georgier für Deutschland liegt auch an den guten diplomatischen Beziehungen. Deutschland hat als erstes Land die Unabhängigkeit Georgiens anerkannt, einmal vor 100 Jahren, als 1918 die Demokratische Republik Georgien gegründet wurde, und noch einmal vor über 25 Jahren, als Georgien 1992 erneut seine Unabhängigkeit erklärt hat.

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