Ausflug nach Baku

Aserbaidschan grenzt westlich an Georgien und zählt ebenfalls zur Südkaukasus-Region. Wir, das heißt Lotte, Hanna und ich, waren neugierig auf das Nachbarland und haben Ende April die Hauptstadt Baku besucht, die von Tbilisi ca. 450 Kilometer Luftlinie entfernt ist.

Am Donnerstagabend stiegen wir in Tbilisi in den Nachtzug nach Baku. Nachdem ich die Schaffnerin mit „gamarjoba“ (zu Deutsch: Guten Tag) gegrüßt hatte, wurde ich gleich zurechtgewiesen. „No gamarjoba“ war ihre Antwort, ab jetzt heißt es bitteschön „Salam“. Nach einer guten Stunde erreichten wir die Grenze. Die Kontrollen auf georgischer und aserbaidschanischer Seite haben sich fast  zwei Stunden hingezogen. Die Grenzbeamten in Aserbaidschan prüften ausführlich unsere Visa, die wir als Deutsche zur Einreise brauchten. Wir wurden gefragt, ob wir schon einmal in Armenien gewesen seien. Die beiden Länder sind aufgrund des Bergkarabach-Konflikts stark verfeindet. Beide Staaten beanspruchen die Region Bergkarabach, die von armenischen Streitkräften besetzt ist, für sich. An der Grenzlinie kommt es immer wieder zu Schusswechseln und die Region kann nicht bereist werden. Daher gibt es manchmal Schwierigkeiten, wenn Ausländer mit einem armenischen Stempel im Reisepass nach Aserbaidschan einreisen wollen. Sogar mein georgischer Reiseführer, der auch Kapitel über Aserbaidschan und Armenien enthält, wurde von den Grenzbeamten genau geprüft und mir erst nach Absprache mit einem Vorgesetzten zurückgegeben. Für einen Europäer, der es gewohnt ist, ohne Grenzkontrollen reisen zu können, war das eine interessante Erfahrung.

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Nach einer für mich schlaflosen, aber nicht unangenehmen Fahrt wurden wir am nächsten Morgen mit ein paar kecken Bemerkungen aus den Zugbetten gescheucht. Durch das Fenster sahen wir bereits das Kaspische Meer mit seinen Ölförderanlagen und erreichten kurze Zeit später den Hauptbahnhof von Baku.

Mein erster Eindruck von der Stadt mit über 2 Mio. Einwohnern war Staunen über die großen und prächtigen Standsteinbauten, die aufwendig verziert sind und  den Reichtum des Landes aufgrund der Ölvorkommen zeigen. Dieser Eindruck wurde etwas gedämpft durch die vielen Straßensperren. Wir wussten zwar, dass an diesem Wochenende der Große Preis von Baku in der Formel 1 ausgetragen wird, aber dass viele der schönsten Straßen Teil der Rennstrecke waren und auch die berühmte Strandpromenade abgesperrt war, enttäuschte und doch. Nachdem wir fast eine Stunde durch ein Labyrinth aus lilafarbenen Planen, mit denen die Rennstrecke abgesperrt wurde, geirrt sind, gaben wir die Suche nach dem Meer erst einmal auf.

Stattdessen besuchten wir die Villa der Gebrüder Nobel, die in Baku seit 1876 zahlreiche Ölquellen erschlossen und hier den ersten Öltanker sowie die erste Ölpipeline eingesetzt hatten. In dem Gebäude sind Fotos von den Anfängen des Öl-Booms und Einrichtungsgegenstände der Familie ausgestellt. Der Museumsführer erzählte uns nebenbei auch, in welcher Zwickmühle sich Aserbaidschan heute befindet. Einerseits bringen russische Energiekonzerne viel Geld in das Land und schaffen Arbeitsplätze. Andererseits hatte die russische Armee dem „Feind“ Armenien bei der Eroberung von Bergkarabach geholfen, unterstützt auch Armenien  und schützt es jetzt vor aserbaidschanischen Aggressionen. Aserbaidschan ist also einerseits abhängig von Russland, muss aber auch Kontrollverluste über einen beträchtlichen Teil des Landes hinnehmen.

Am nächsten Vormittag brachte uns ein Fahrer zu zwei Sehenswürdigkeiten am Stadtrand von Baku. Yanar Dağ, auf Deutsch „brennender Berg“, ist eine Stelle, an der Erdgas aus dem Boden austritt, das schon seit dem Altertum brennt. Allerdings war das ganze weniger beeindruckend als es in den Reiseführern beschrieben wird und sah eher wie ein Stück brennendes Gras aus. Anschließend besichtigten wir den Tempel Ateschgah. Er wurde im 17. Jahrhundert von den Zoroastriern, einer persischen Glaubensgemeinschaft, errichtet und ist heute auf der UNESCO-Welterbeliste.

 

In den Stadtvierteln außerhalb des Zentrums von Baku sieht man wenig vom Glanz der Innenstadt. Die Häuser werden schnell kleiner und sind stark in die Jahre gekommen. Hier erkennt man gut, dass die Gewinne aus der Ölförderung nicht überall ankommen. Zwischendurch führt die Ausfallstraße immer wieder durch Ölfelder, auf denen sich langsam die Pumpen bewegen.

Unablässig begleitet vom auf- und abheulenden Lärm der Formel-1-Rennwagen haben wir es am Nachmittag doch noch geschafft, ans Kaspische Meer zu kommen. Auf dem Wasser war ein dicker Ölfilm zu erkennen, weshalb man in der Umgebung von Baku nicht im Meer baden kann. Auf dem Weg zur Uferpromenade haben wir die einzige Stelle gefunden, von der aus man auf die Rennstrecke schauen konnte. Ansonsten wurde mit großer Sorgfalt jegliche Sicht durch hohe Zäune versperrt. Offensichtlich wollte man die Leute, die sich kein Ticket leisten können (was wohl ein Großteil der aserbaidschanischen Bevölkerung ist), von dem Event fernhalten.

An den Abenden haben wir uns in eine Bar in einem der zahlreichen Parks Bakus gesetzt. Zum Plätschern der Springbrunnen kann man gut den Tag ausklingen lassen. Obwohl ich solche Orte in Tbilisi vermisse, wirkt das Nachtleben dort doch deutlich ungezwungener. In Tbilisi hat jede Kneipe ihren eigenen Charme und die Gruppen, denen man nachts begegnet, machen einen sehr „hippen“ Eindruck. In Baku hingegen ähnelt sich alles sehr und dem Publikum sieht man an, dass hier gerne mehr Geld ausgegeben wird. In den Kneipen merkt man auch, dass Aserbaidschan ein muslimisches Land ist. Während einige Bars gar keinen Alkohol ausschenken, wird man in anderen immer gefragt, ob man seinen Cocktail mit oder ohne Alkohol haben will. Tagsüber bekommt man jedoch wenig von der religiösen Prägung des Landes mit. Zum Beispiel tragen erstaunlich wenige Frauen ein Kopftuch und von denen, die ihr Haar bedecken, werden die meisten wohl Touristen sein.

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Am letzten Tag besuchten wir das Heydər Əliyev Merkezi, ein Kulturzentrum zu Ehren des ehemaligen Staatspräsidenten Heydər Əliyev. Von 1993 bis 2003 war er in Aserbaidschan an der Macht, bevor er das Regierungsamt an seinen Sohn übergab. Kritiker werfen ihm vor, in erster Linie seinem eigenen Klan Macht und Reichtum verschafft zu haben. Er legte zudem den Grundstein für die Ausbeutung aserbaidschanischer Öl- und Gasvorkommen, auf welche sich heute die Wirtschaft Aserbaidschans im Wesentlichen stützt. Auch leitete er einige Reformen ein, die den Weg Aserbaidschans in die Rechtsstaatlichkeit ebnen sollten. Heute ist Aserbaidschan aber eher den autoritären Systemen zuzuordnen. Presse- und Meinungsfreiheit sind nicht gegeben und viele Oppositionelle sitzen in Haft oder leben im Exil, wo sie auch nicht unbedingt vor Verfolgung geschützt sind.

Das Gebäude des Kulturzentrums ist sehr imposant und auch architektonisch überzeugend. Die Räumlichkeiten beherbergen allerdings nicht mehr als gutgemachte Propaganda. Die Ausstellungen sollen die Einzigartigkeit der aserbaidschanischen Kultur zeigen, sind aber inhaltlich sehr oberflächlich. Der Höhepunkt für mich war allerdings der Museumsshop, in dem es neben vielem anderen Kitsch z.B. Handyhüllen mit dem Porträt des Präsidenten İlham Əliyev und der First Lady zu kaufen gibt – in einem demokratischen Staat undenkbar.

Am Abend ging es dann mit dem Nachtzug zurück nach Tbilisi, wo wir alle müde, aber voll von neuen Eindrücken wohlbehalten wieder angekommen sind.

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